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Bergsolawi: Eine Perspektive für die Berglandwirtschaft

Landwirtschaft im Berggebiet ist anspruchsvoll. Klima, Relief und Marktansprüche stellen keine einfachen Produktionsbedingungen. Die «Bergsolawi Surselva» vereint Kräfte, um eine alternative Landwirtschaftsform zu denken und umzusetzen.


Nach etwa drei Stunden Zugreise kommen wir am Abend in Sumvitg in der Bündner Surselva an. Eine schnelle Stärkung mit Tee gibt es noch, bevor wir vor dem Eindunkeln mit Sep ein paar Apfelbäume in der Region pflanzen gehen. Spätestens am letzten Ort kommen die Taschenlampen trotzdem zum Einsatz, und jetzt in diesem Batterielicht könnte niemand mehr Seps Fachkundigkeit in seinen routinierten Bewegungen übersehen. «Der vorsichtige Wurzelschnitt gibt dem Baum einen Impuls zum Wachsen. Lasst aber die Feinwurzeln, die sind sehr wichtig für die Nährstoffaufnahme», belehrt uns Sep und findet gleichzeitig eine Käferlarve, der er mit einem Wurf ins Dunkel ein verfrühtes Flugerlebnis beschert.

Zuhause gibt es noch ein, zwei Gläser Zwetschgenschnaps und spannende, auch philosophische Gespräche mit Sep und Barbara: über die Hochstammbäume, das Bed&Breakfast, die Leute im Dorf, die Reisen von Sep und Barbara ins ferne Asien. Dann heisst es gute Nacht, denn morgen sind die Schnuppertage der Bergsolawi Surselva und acht Personen werden in Sumvitg auf dem Hof erwartet.  

Die Unterländer sind interessiert

Sep und Barbara Candinas aus Sumvitg betreiben einen der 5 Höfe in der Surselva, die am Projekt Bergsolawi teilnehmen. Die Betriebe verteilen sich über die ganze Talschaft Surselva.

Insgesamt waren rund 50 Interessierte aus verschiedensten Regionen der Schweiz für die Schnuppertage im November letzten Jahres angemeldet. Das Interesse an der Landwirtschaft im Berggebiet seitens der Unterländer ist definitiv vorhanden.

Grosse Nähe zu den Konsumenten

Der Bezug zur regionalen Landwirtschaft wird immer mehr gesucht. Mit einer solidarischen Landwirtschaft, kurz Solawi genannt, können Konsumentinnen und Konsumenten Hand in Hand mit Produzentinnen und Produzenten eine Zusammenarbeit gestalten. Damit rückt die Landwirtschaft wieder mehr in den Vordergrund des Konsums. Die Beteiligten lernen Prozesse hinter der Nahrungsmittelproduktion kennen. Sie organisieren mit, finanzieren die Produktion von Nahrungsmitteln, packen eigenhändig auf dem Betrieb an und beziehen die Produkte direkt. Nicht zuletzt fördern sie so die regionale Landwirtschaft und lernen die Natur- und Kulturlandschaft zu pflegen.

Unabhängig vom Markt und seinen Ansprüchen

Die Solawi ist also keine alternative Vermarktungsmethode. Wer mitmacht, wird Teil des Betriebs. Ziel ist eine Landwirtschaft, in der wertvolle Produkte von der Produktion direkt zu den Konsumierenden gelangen. Es wird eine transparente Wertschöpfung geschaffen - ohne dass Produzenten gezwungen sind, Marktvorgaben von Grossverteilern oder sonstigen Abnehmern zu erfüllen. Ermöglicht wird das durch die drei Säulen der solidarischen Landwirtschaft: 

  • Betriebsbeitrag statt Produktpreise: Mit einer Solawi fallen Produktpreise weg. Mitglieder zahlen Betriebsbeiträge oder (Flächen-/Baum-/Tier-)Pauschalen, die die Produktionskosten decken.
  • Kontinuität und Verbindlichkeit: Es wird für eine bestimmte Zeit vertraglich geregelt, wie und an wen die Aufgaben und Produkte zugeteilt werden.
  • Partizipation: Die Produktion wird von der Konsumentenseite mitgetragen. Bei Entscheiden über Planung und Organisation wird sie berücksichtigt.

Die Mitglieder der Solawi arbeiten auf dem Betrieb mit. So stehen auch für viel Handarbeit genügend motivierte Arbeitskräfte zur Verfügung. 

Landwirtschaft im Berggebiet heisst viel Handarbeit

Schwierige Produktionsbedingungen und Marktansprüche setzen die Landwirtschaft in den Bergen unter Druck. In höheren Lagen schränkt das Klima die Produktion von vielfältigem Gemüse, Obst oder Getreide ein. Verglichen mit dem Unterland zeigt sich das Klima hier rauer. »Die Sommer sind kürzer und der Frost langanhaltend. Das Relief, die steilen Hänge und schwierige Transporte schränken ein, machen die Rationalisierung schwieriger, und das alles erfordert viel Handarbeit. Das führt zu hohen Arbeitsbelastungen für Bäuerinnen und Bauern, und diese Arbeitsbelastung ist auch ein Treiber dafür, dass viele junge Leute das Berggebiet verlassen”, sagt Ramon Reimann, Mitglied der Kerngruppe und Student der Agrarwissenschaften.

Mit Nutztieren gegen die Verbuschung

Die Produktion von Milch, Käse und Fleisch ist dort umso mehr von grosser Bedeutung. Denn Rinder, Ziegen und Schafe halten den rauen Bedingungen stand und werden seit jeher als Nutztiere in den Bergen gehalten. Bergbauern leisten gleichzeitig mit der Bewirtschaftung von alpinem Raum einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung der Landschaft und Biodiversität.

Geissen hüten auf der Alp Glivers.

Mehr Zeit für anderes für die Bauern

«Berg-Bäuerinnen und -Bauern haben oft Arbeiten, welche sie entweder mit Mühe alleine machen müssen oder gar nicht machen können, wenn ihnen zu wenig Arbeitskraft beiseite steht. Das wären zum Beispiel Weidepflege und Entbuschungen. Gleichzeitig haben immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten aus Städten Lust, mehr in der Natur zu arbeiten», sagt Ramon Reimann und ergänzt, dass eine Solawi hier deshalb besonders Sinn ergebe. Dem pflichtet auch ein interessierter Bauer, der an den Schnuppertagen anwesend war, bei: «Ich möchte gerne auch wieder Zeit für etwas anderes als den Hofbetrieb haben. Mit einer grossen Prosumentenschaft, also einer Gruppe Menschen, die sowohl konsumieren, als auch produzieren, kann das ermöglicht werden.»

Marktwirtschaftliche Auswirkungen nicht länger tolerieren

Auch Michael Alig, Bergbauer aus Obersaxen Mundaun, steht hinter der Bergsolawi. «Ich wünsche mir, dass Produkte wieder wertgeschätzt werden. Und zwar von denen, die sie konsumieren, sowie von denen, die sie produzieren», sagt er. «Eine direkte Vermarktung ist bei uns oft nicht möglich, und so bleibt uns nicht viel anderes, als unsere Produkte in die industriellen Kanäle zu drücken. Aber diese Kanäle schreiben uns dann Sachen vor, die uns widerstreben», erklärt Michael das Dilemma.

Aus diesen Gründen hat sich die Bergsolawi Surselva gebildet. «Wir möchten die marktwirtschaftlichen Zwänge und deren Auswirkungen auf uns Menschen, auf die Tiere und auf unsere Umwelt nicht länger tolerieren», plädiert sie.

Ideen werden zur Realität 

An Sitzungen und Betriebsbesuchen besprechen Mitglieder der Kerngruppe, grösstenteils aus dem Raum Zürich, sowie jeweils die Betriebsleiterin und der Betriebsleiter, wie sie das Projekt umsetzen werden. Was sich seit circa anderthalb Jahren als Ideen und Wunschvorstellungen in den Köpfen manifestiert hat, wird immer mehr zur Realität.

Solawi ist verbreitet

Solawi-Betriebe gibt es im Unterland schweizweit schon dutzende. Ortoloco (ZH), Basimilch (ZH), Radiesli (BE), Gartenberg (AG), Halde (SZ) oder Rage de Vert (NE) sind nur Beispiele. Mit der Bergsolawi wird nun die solidarische Landwirtschaft erstmals ins Berggebiet getragen. 

Fünf Höfe gehören zum Verein Bergsolawi

Da die fünf Betriebe jeweils unterschiedlich sind bezüglich Lage, Produkte, Tiere, etc. kann kein genügend spezifisches Gesamtkonzept ausgearbeitet werden. So handelt die Bergsolawi, mittlerweile als Verein organisiert, individuelle Verträge mit den einzelnen Betrieben aus. Darin wird festgelegt, welche Betriebszweige zur Solawi gehören, welche Kosten und wie viele Produkte anfallen werden, welche Arbeiten künftig die Solawi-Mitglieder übernehmen können oder welche Regeln auf dem Hof gelten. «So wollen wir eine Solawi, die mit mehreren Höfen gleichzeitig zusammenarbeitet - was den Mitgliedern eine hohe Vielfalt an Produkten und Mitarbeit bietet», so Ramon Reimann.

Im Visier seien nebst den Produkten Fleisch und Käse auch Most, Leder, Felle, Alpenkräuter oder Berggetreide.

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