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Porträt: Hüterin der Schweizer Frauengeschichte

Marthe Gosteli kämpfte an vorderster Front fürs Frauenstimmrecht. Sie verstarb letzten Monat im Alter von 99 Jahren.


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Der Platz unten links am ovalen Tisch im Sitzungszimmer des Gosteli-Archivs bleibt von nun an leer. Dessen Gründerin Marthe Gosteli starb letzten Monat im Alter von 99 Jahren. «Es ist ruhig geworden im Haus. Sie fehlt uns», meint Silvia Bühler, Leiterin des Gosteli-Archivs. Im Archivalltag kommt dem Team noch häufig der Gedanke: Jetzt würde sie das machen oder das sagen. Denn das Archiv ist nicht nur ein Arbeitsplatz, es war auch das Zuhause von Marthe Gosteli. Häufig begrüsste sie die Gäste des Archivs persönlich. Besonders viel Freude bereitete ihr der Besuch von jungen Leuten, da Bildung für sie sehr wichtig war. Sie gab deshalb 2011 ein Lehrmittel zu 40 Jahren Frauenstimm- und Wahlrecht heraus. In konventionellen Geschichtsbüchern wird die Frauengeschichte jeweils auf wenigen Seiten abgehandelt. 

Pünktlich zum Mittagessen

Das Archiv-Team erinnert sich gerne ans täglich geregelte Mittagessen. Es konnte vorkommen, dass ab 11.30 Uhr Marthe Gosteli als Dame des Hauses sich bereitmachte und eine Stiftungsratssitzung beendete, weil es Zeit zum Mittagessen war. Jeden Tag begleitete sie jemand vom Team in ihr Stammlokal, das Bistro im nahegelegenen Tenniszentrum. Dort wurden Vorspeise, Hauptgang inklusive Dessert und ein Glas Wein genossen. Mit dem Service-Personal machte sie jeweils ein Spässchen. Marthe Gosteli war eine Person mit Humor, jung geblieben und mit Freude am Kleinen.

Bäuerliche Wurzeln

Marthe Gosteli ass gerne. Vielleicht hat das damit zu tun, dass sie auf einem Bauernhof in Worblaufen bei Bern geboren wurde. Sie wusste woher das Essen kam. Ab und zu erzählte sie sogar vom Kartoffelgraben als Kind. Der
Vater war Bauer und Grossrat, die Mutter Mitglied im Frauenstimmrechtsverein und man hatte Angestellte. Schwester Johanna komplettierte die Familie. Marthe und Johanna Gosteli standen sich zeitlebens sehr nahe. Nach dem Tod des Vaters wurde das Gut eine Weile durch die zwei Schwestern und die Mutter verwaltet. Der Bau der Autobahn in den 1960er-Jahren war im wahrsten Sinne einschneidend. Die neue Strasse führte direkt durchs Gosteli-Land und zerschnitt den Betrieb. In den 1990er-Jahren bekam die Burgergemeinde Bern das Gut als Schenkung. Der elterliche Hof bestand aus Stall, Scheune, Stöckli und Herrenhaus. Und in eben diesem Herrenhaus ist das Gosteli-Archiv untergebracht. 

Keine Smalltalkerin

Marthe Gosteli als Privatperson und als politische Kämpferin liessen sich nicht trennen. «Mit ihr konnte man keinen Smalltalk betreiben», erzählt Silvia Bühler. Man sei sofort bei gesamtgesellschaftlichen Fragen angekommen. Marthe Gosteli argumentierte intelligent aber nie akademisch. Sie schaffte es, sich verständlich für alle auszudrücken. Und das tat sie dann auch klipp und klar. 

Eine eindeutige Meinung hatte sie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Für sie ein Ding der Unmöglichkeit. Sie hatte
sich bewusst für eine berufliche Karriere und gegen Heirat und Familie entschieden. Ebenfalls selbstverständlich war für sie: Wenn sich eine Frau für Familie entscheidet, sollte sie deswegen nicht diskriminiert werden. Der Gleichstellung, oder wie sie es nannte «Gleichmacherei» von Frau und Mann, gegenüber war sie skeptisch. Sie setzte sich vielmehr für Gleichberechtigung ein, die es erlaubt, Frau zu sein darin ernst genommen und selbstbestimmt sein zu können.

Selbstbestimmtes Leben

Selbstbestimmt und bewegt war das Leben von Marthe Gosteli. Nach ihrer kaufmännischen Ausbildung zog es sie ins Welsche und nach London, um Sprachen zu lernen. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie in der Abteilung Presse und Funkspruch des
Armeestabes. Nach Kriegsende leitete sie die Filmabteilung des Informationsdienstes an der
US-amerikanischen Botschaft in Bern. Ab Mitte der 1960er-Jahre wirkte sie in verschiedensten Funktionen ausschliesslich im Dienst der Schweizer Frauenbewegung. 1970/ 71 präsidierte sie die Arbeitsgemeinschaft der Schweizerischen Frauenverbände für die politischen Rechte der Frau. In dieser Funktion trug sie viel dazu bei, dass das Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene angenommen wurde.

Statt sich nach diesem Erfolg auszuruhen, wandte sie sich neuen beruflichen Herausforderungen zu. Zuerst entwickelte die leidenschaftliche Reiterin das therapeutische Reiten in der Schweiz. Erst nach der Pension widmete sie sich dem Aufbau des Archivs. Ihren letzten öffentlichen Auftritt hatte Marthe Gosteli an der Vorpremiere zum Film die «Göttliche Ordnung» im März dieses Jahres. Bei Recherchen im Archiv kam der Regisseurin die Idee zur Hauptfigur.

 

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