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Bäuerinnensicht: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Die wöchentliche Kolumne einer Bäuerin kommt diesmal von Erika Hubeli.


Publiziert: 14.11.2014 / 11:16

Manchmal überrasche ich mich selber, ich bin mit einer Arbeit beschäftigt und meine Gedanken sind irgendwo, aber nicht bei meinen Händen. Vieles läuft automatisch, vieles wiederholt sich, täglich oder wöchentlich.


Küchen- und Putzarbeiten laufen wie von selbst, aber da will ich doch etwas aus dem Keller holen, ich stehe im Untergeschoss und weiss nicht mehr, was ich wollte. Nochmals zurück, an den vorherigen Ort, und da fällt es mir wieder ein.

Beim Pizza-Vorbereiten ist es immer wieder das Gleiche, es wiederholt sich und doch; ich brauche meine Liste, damit ich alle Punkte abhaken kann. Die Liste ist zur Gewohnheit geworden, denn manchmal klingelt das Telefon, jemand ist an der Türe, sofort bin ich abgelenkt, und der Automatismus ist unterbrochen und etwas geht vergessen.

Eintönigkeit oder ständige Wiederholungen können auch gefährlich werden. Im Strassenverkehr oder bei Arbeiten mit Maschinen sollte der Kopf immer beim Tun sein.

Gewohnheiten lassen sich schlecht abgewöhnen. Eigentlich wollte ich meinen Schokolade-

konsum schon lange einschränken. Aber hie und da ein Stückchen, manchmal auch zwei. brauche ich einfach. Figur hin oder her. Beim Kochen kommen immer wieder dieselben Gerichte auf den Tisch. Zum einen, weil die Familie die Sachen mag, zum anderen sind wir alle daran gewöhnt.

Will die Hausfrau kreativ sein und probiert etwas Neues aus, heisst es öfters: «Dieses Rezept kannst du dem Altpapier übergeben.» Manchmal kommen neue Ideen aber auch gut an und aus den Wiederholungen werden ebenfalls Gewohnheiten.

Bald fange ich mit der Weihnachtsbäckerei an. Ich blättere Rezepte durch, mache Notizen und überlege welche «Chrömli» ich dieses Jahr backen will.


Ich muss Ihnen die Listen nicht zeigen, es wiederholt sich: Mein Sohn braucht Spitzbuben und Mailänderli, er mag auch Zimt­sterne. Mein Mann will eigentlich nur Mailänderli. Die Töchter sind offen für verschiedene Sorten, aber nur wenig davon. Dann ist da noch die Mutter, Spitzbuben haben oberste Priorität, Mailänderli mache ich für die Männer, Zimt­sterne gehören einfach dazu, Schoggikugeln braucht es auch. Nun muss ich noch schauen, wie es mit der Verteilung der Eiweisse und Eigelbe geht. Schon ist meine Liste vollständig, und sie sieht, mit einer, vielleicht zwei Aus
nahmen gleich aus wie in den 
letzten Jahren. Das ist keine Überraschung.


Gewohnheiten werden zu Familientraditionen und Traditionen werden gepflegt. Warum nicht ab und zu über alte Zöpfe nachdenken, diskutieren und vielleicht mal eine neue Frisur ausprobieren. Oft reicht es schon, wenn 
ich den Zopf zwischendurch neu flechte, das gibt frischen Wind 
ins Haus und lässt mich eine Situation überdenken. Soll ich jetzt wirklich die Festtagsbäckerei mit lauter neuen Rezepten bestücken? Tausche ich einfach zwei bis drei Sorten aus?


Menschen, die sich von Kind an gewöhnt sind wiederkehrende Aufträge und Arbeiten auszuführen haben eine gute Grundlage. Eine Grundlage sich Gewohnheiten anzueignen und daraus Traditionen werden zu lassen. Irgendwann muss ich mich von lieb gewordenen Dingen verabschieden, Traditionen hinterfragen oder der Zeit und den Gegebenheiten anpassen. Aber bald habe ich mich wieder ans Neue oder Überarbeitete gewöhnt und ich bin

das alte Gewohnheitstier.

Erika Hubeli

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