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Analyse: Die Marktmacht des Detailhandels und die Bauern

Ohne sie läuft gar nichts. Konservativ geschätzte zwei Drittel der Schweizer Landwirtschaftserzeugnisse werden direkt oder indirekt über Migros und Coop abgesetzt. Die Marktmacht der Detailhändler ist erdrückend. Eine Analyse


Publiziert: 04.02.2019 / 06:22

Wenn einer der orangen Riesen hüstelt, bricht in der Branche sofort eine Grippeepidemie aus. Ein paar Beispiele jüngeren Datums: Migros beschliesst im März 2018, dass ab 2020 nur noch Freilandeier eingekauft werden. Die Produzenten, welche in Bodenhaltung investiert haben, stehen mit abgesägten Hosen da, darunter der Präsident des Branchenverbands Gallosuisse.

Coop beschliesst im Dezember 2018, dass das Naturafarm-Programm für Schweine und Kälber stark reduziert bzw. eingestellt wird. Die Gelackmeierten sind die Bauernfamilien, welche aufgrund der Zusammenarbeit mit Coop in Label-Stallbauten investiert haben.

Migros beschliesst im Januar 2019, dass ab 2025 nur noch Gemüse aus erneuerbar geheizten Treibhäusern ins Regal kommt. Die Gemüsler können schauen, wie sie diesen einseitig verordneten Hosenlupf bewältigen wollen.

Marktmacht demonstriert

In all diesen Fällen haben die beiden Grossverteiler erbarmungslos ihre Marktmacht demonstriert. «Vogel friss oder stirb» lautet das Motto. Von der viel beschworenen Partnerschaft zwischen Landwirtschaft und Endverkäufern ist in solchen Fällen jeweils nichts bis kaum mehr etwas zu spüren. Denn die Detailhandels-Manager wissen, dass es für die Produzenten so gut wie unmöglich ist, auf diesem derart einseitig dominierten Markt einen alternativen Kunden zu finden, der ähnliche Volumen abnehmen kann.

Die Rituale sind immer dieselben. Die Information erfolgt kurzfristig, häufig in einem der Gratisblättchen von Migros und Coop oder mit einem knappen Schreiben. Die Branche schreit auf, der Grossverteiler erklärt, man habe lange zuvor informiert. Und dann wächst schnell Gras über die Angelegenheit, denn wer will schon am Ast sägen, auf dem man sitzt?

Elastizität nicht überschätzen

Was sind die Lehren für die Beteiligten? Den Detailhändlern sei geraten, die Elastizität der Landwirtschaft nicht zu überschätzen. Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht. Manchmal springen sie mit den Produzenten um, als liessen sich morgen beliebig neue beschaffen, am besten «M-Budget» oder «Prix Garantie». Aber mit den hiesigen Bauern verhält es sich eben nicht, wie mit asiatischen Kleiderfirmen oder Pfannen- fabriken, die man wechselt, sobald einer ein paar Rappen günstiger offeriert.

Die Schweizer Bauern sind nicht beliebig auswechselbar. Und ihre Produkte auch nicht. Sie sind fast das einzige, was den Schweizer Detailhandel von der aus- ländischen Konkurrenz unterscheidet, einmal abgesehen vom Abwaschmittel Handy. Der Rest kann jederzeit durch ausländische Ware ersetzt werden. Und damit die ganze Ladenkette. Deshalb wäre von Seiten Detailhandel gegenüber der Landwirtschaft etwas mehr Respekt und ein bisschen weniger gönnerhaftes Auftreten angezeigt.

Erbarmungsloser Markt

Umgekehrt sollten auch die Produzenten und ihre Organisationen ein paar Lehren ziehen. Wer nicht bereit ist, den grossen Aufwand für Verarbeitung auf dem Hof und Direktvermarktung auf sich zu nehmen, wird auch weiterhin auf Gedeih und Verderb vom Detailhandel abhängig bleiben. Das ist nichts Anrüchiges und weltweit Standard. Zum Standard gehören aber auch die harten Bandagen, mit denen hier gekämpft wird. Der Lebensmittelmarkt ist kein Ponyhof, auch wenn uns die staatliche Vollkaskopolitik das manchmal glauben liess.

Der Markt ist zunehmend erbarmungslos. Dazu gehört auch das unberechenbare Verhalten der Abnehmer und der Konsumenten. Das Beispiel Coop Naturafarm zeigt nämlich gleichzeitig, dass auch die Detailhändler in Abhängig- keiten stehen. Wenn der Markt nicht abnimmt, was sie mit gutem Willen und viel Sinn für PR in eigener Sache an Programmen aufstellen, werden sie auch nicht länger zu denselben Konditionen einkaufen können.

Für diese Mechanismen fehlt in der Branche oft das Verständnis. Wenns gut läuft in einem Programm, hält man das für selbstverständlich und wenn plötzlich Gegenwind kommt, sind alle empört, schockiert oder mindestens ratlos. Hier ist mehr Interesse für das Detailhandels-Geschäft und Flexibilität nötig, zum Beispiel bei den Labelprämien: Wenns gut läuft, nehmen wir viel, wenns schlecht läuft, tragen wir mit. Nur so wird es wohl gelingen, einigermassen auf Augenhöhe zu kommen mit den orangen Riesen.

Adrian Krebs

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