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An der Stallvisite die Lebensmittel hautnah erleben

Die «Stallvisite» zeigt Konsumentinnen und Konsumenten vor Ort, wie die Nahrungsmittelproduktion abläuft und wie Kühe, Hühner, Schweine und andere Tiere leben. Schweizweit machen mittlerweile über 360 Landwirtschaftsbetriebe den Bauernhof erlebbar.


Konsumenten und Konsumentinnen legen immer mehr Wert auf Herkunft und Produktionsweise von Lebensmitteln – Nachhaltigkeit und Regionalität sind Trend. Allerdings kennen immer weniger Menschen die Nahrungsmittelproduktion aus eigener Erfahrung und der Kontakt zur Landwirtschaft geht zunehmend verloren. Lebensmittel sehen viele nur noch im Supermarkt – wo kaum mehr ein echter Bezug zur Produktion vorhanden ist. Mit offenen Hoftüren wollen Bauernfamilien hier einen Gegenpol setzen: Die Stallvisite-Betriebe laden Besucherinnen und Besucher dazu ein, das Zuhause ihrer Tiere und den Ursprungsort der landwirtschaftlich produzierten Lebensmittel zu entdecken.

Woher kommen Milch, Fleisch und Eier?

«Wir haben viel Freude mit unseren Tieren, dem Hof sowie der Natur und diese Faszination möchten wir gerne mit anderen interessierten Leuten teilen», sagt Luzia Mathis vom Berghof Schluichä in Engelberg. Seit einem Jahr machen Luzia und Ueli Mathis mit ihrem kleinen Betrieb darum beim Stallvisite-Projekt mit. Die beiden bewirtschaften einen kleinen 11 Hektaren grossen Betrieb in stotzig steiler Lage in der Bergzone 3 und halten unter anderem Mutterkühe, Ziegen, Hühner und Wachteln. Bei einem Besuch auf dem Schluichä-Hof zeigen Mathis’ wie ihre Tiere leben: Im Winter gibt’s eine Stall- und im Sommer eine Weidebesichtigung. «Wir geben gerne Auskunft zum Verhalten, den Bedürfnissen und der Haltung unserer Tiere», erklärt Luzia Mathis weiter.

Besuch auf dem BauernhofBei der Stallvisite erhalten Besucherinnen und Besucher einen Einblick in den interessanten, abwechslungsreichen und anspruchsvollen Beruf der Bauernfamilien. (Bild mr)

Stallvisite

Das Stallvisite-Projekt wurde 2004 in der Zentralschweiz lanciert. Milchbetriebe zeigten Interessierten, wo die Milchproduktion anfängt. Die Initiative der Zentralschweizer Milchproduzenten stiess auf viel positives Echo und so beschloss der Schweizer Bauernverband, das Projekt auf die ganze Schweiz auszuweiten. Heute machen in 24 Kantonen verteilt über alle vier Landesteile der Schweiz über 360 Bauernhöfe mit und das Angebot soll weiter ausgebaut werden. Es sind auch längst nicht mehr nur Milchviehbetriebe: Neben Milch- und Mutterkühen sind mittlerweile auch Schweine, Geflügel, Ziegen, Schafe, Pferde und sogar Exoten bei der Stallvisite anzutreffen. Und viele Betriebe betreiben ausserdem Acker-, Obst- oder Gemüsebau.
Mit der Online-Hofsuche finden Interessierte ganz einfach alle Stallvisiten-Betriebe in der Nähe oder Ferne.

Nutztiere laden zum Hofbesuch

YakSeit diesem Frühling haben die Ziegen auf dem Hof von Luzia und Ueli Mathis spezielle Begleitung: Zwei Yaks leisten ihnen Gesellschaft. (Bild Bärghof Schluichä)

Auf Schumachers Biohof auf der St. Petersinsel im Bielersee können Interessierte beispielsweise Getreide wie Urdinkel, Weizen oder Triticale wachsen sehen. Daneben gibt es aber besonders viel Weidefläche für die Angus-Mutterkühe und die Ziegen. Die Burenziegen haben eine Vorliebe für Sträucher und Büsche und eignen sich deshalb besonders gut zur Pflege der vielen Hecken und Waldsäume auf der St. Petersinsel und helfen Schumachers die Landflächen vor Überwucherung im Griff zu halten. Die Rasse stammt ursprünglich aus Südafrika und wird vor allem zur Fleischerzeugung gezüchtet. «Die nicht alltägliche Ziegenart ist ein gefreuter Blickfang und Anziehungspunkt für alle Inselbesucher», erklärt Markus Schumacher.

Ziegen trifft man auch bei Mathis’ an – auf dem Schluichä-Hof grast ebenfalls eine spezielle Rasse: die «Capra Grigia». Die graue Bergziegenrasse aus dem Tessin und den Bündner Südtälern stand einst kurz vor dem Aussterben, bevor die Stiftung ProSpecieRara Ende der 1990er-Jahre die Wiederbelebung der Rasse in Angriff nahm. «Die robusten, widerstandsfähigen und anspruchslosen Capra Grigia beweiden im Sommer die steilen Weiden und die Gitzi bleiben den ganzen Sommer über bei ihren Müttern und trinken deren Muttermilch», erzählt Luzia Mathis. Im Herbst gibt’s Bio-Gitzi-Fleisch vom Schluichä-Hof. Seit diesem Jahr werden die Ziegen ausserdem von besonderen Weidegenossen begleitet. Im Mai sind Selma und Hawa auf dem Betrieb eingezogen – zwei Yaks: «Yaks sind sehr gebirgsgängig und sie beweiden mit unseren Ziegen nun die steilen Hänge.»

Konsumentinnen und Konsumenten abholen

«Es war mir wichtig, mit meinem Hof bei der Stallvisite teilzunehmen, denn ich denke, es ist sehr wichtig, den Konsumentinnen und Konsumenten unsere Arbeit und vor allem unsere Leidenschaft für die Landwirtschaft zu zeigen», sagt auch Jérôme Aubry. In Le Emibois in den Freibergen des Kantons Jura bewirtschaftet er zusammen mit seinem Vater Roland einen Bergzonenbetrieb mit Galloway-Rindern, einer kleinen Pferdezucht der Freiberger Rasse und mit Schafen.

Bei Stallvisiten erklärt er Besucherinnen und Besucher, warum er Galloways züchtet und wie die Zucht erfolgt. Die Rasse sei für ihn besonders attraktiv, weil es eine extensive Rasse sei, die kein Zusatzfutter benötige. Daneben versucht er aufzuzeigen, was er als Landwirt für die Artenvielfalt tut und gibt Spaziergängerinnen und Spaziergängern Tipps, wie sie sich beim Wandern auf den Weiden richtig verhalten. «Ich denke, die Stallvisite ist ein guter Weg, um für die Schweizer Landwirtschaft zu werben und den Leuten zu zeigen, wie wir arbeiten», ist Jérôme Aubry überzeugt.

Galloway-RindAuf Tuchfühlung mit Nutztieren: Dieses Galloway-Rind auf dem Hof von Jérôme Aubry ist besonders neugierig. (Bild Aubry-Galloway) 

Verständnis zwischen Stadt und Land fördern

Das Stallvisite-Projekt soll in erster Linie das Verständnis zwischen Konsumenten und Produzenten fördern und das Vertrauen in die einheimischen Produkte stärken. Es soll die Herkunft von Milch, Fleisch, Eiern und vielen weiteren landwirtschaftlichen Produkten begreifbar machen und transparent zeigen, wo diese Lebensmittel herkommen und wie sie entstehen. Stallvisite soll aber auch Spass machen und begeistern – und zwar beide Seiten. Bis jetzt hätten sie gute Stallvisite-Erfahrungen gemacht, erklärt Luzia Mathis: «Die Leute sind sehr interessiert und freuen sich, einen Einblick in unser Schaffen zu erhalten.» Im Frühling kämen auch öfter Schulklassen vorbei, da diese meist das Thema Küken durchnehmen und auf dem Schluichä-Hof die frisch geschlüpften Küken bestaunen, streicheln und halten dürften. Auch Jérôme Aubry kann neben der Besichtigung seines Hofes mit einer Besonderheit aufwarten: Wenn Besucher länger bleiben, organisiert er eine kurze Fahrt mit einer Pferdekutsche und bei Schumachers auf der St. Petersinsel gibt’s Schlafen im Stroh.

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