Gestern sei es eben passiert, dass ein gestandener Bauer verzweifelt in den Hörer geschluchzt habe, erzählt ein Landwirt, der seit vielen Jahren für das Bäuerliche Sorgentelefon im Einsatz ist. "Situationen, in denen die harte Schale bricht und der weiche Kern zum Vorschein kommt, berühren mich besonders stark und wecken Emotionen", sagt er und erzählt, wie es ist, wenn Rahmenbedingungen und Strukturbereinigungen das Leben der Bauernfamilien beeinträchtigen. Beziehungsprobleme seien auch bei der bäuerlichen Bevölkerung weit verbreitet, hingegen haben diese Konflikte im Gegensatz zur übrigen Bevölkerung oft auch betriebliche Auswirkungen und betreffen nicht selten mehrere Generationen, die sich Familien und Berufsleben teilen, erzählt der Landwirt.

Merken, wo der Schuh drückt

Lukas Schwyn ist Präsident des Vereins Bäuerliches Sorgentelefon und Pfarrer im ländlichen Signau im Emmental. Auch er weiss, wo der ländlichen Bevölkerung der Schuh drückt und hat die Aufgabe als Präsident von der Trägerschaft, die sich zur Hälfte aus bäuerlichen und zur anderen Hälfte aus kirchlichen Kreisen zusammensetzt, vor fünf Jahren übernommen.

Die Trägerschaft setzt sich aus der Schweizerischen reformierten Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft (srakla), der Schweizerischen katholischen Bauern Vereinigung (SKBV), der Agridea und dem Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) zusammen und besteht seit 19 Jahren. "Das Bäuerliche Sorgentelefon versteht seine Aufgabe als Hilfsangebot für Bäuerinnen, Bauern und ihre Angehörigen, sowie für alle anderen in der Landwirtschaft tätigen Menschen in schwierigen Situationen", erklärt Schwyn.

Zweimal in der Woche sei die Nummer 041 820 02 15 für Hilfesuchende betreut: Am Montagmorgen von 8.15 bis 12 Uhr und am Donnerstagabend von 18 bis 22 Uhr. Bis heute erfolge die Beratung ausschliesslich über das Telefon. Das Installieren einer Onlineberatung sei ein aktuelles Thema, sagt Schwyn, hingegen sei man, auch wegen der Anonymisierung, noch nicht so weit.

Datenschutz und Schweigepflicht

"Diskretion ist bei uns sehr wichtig, deshalb treten auch die sieben beratenden Personen nicht mit Namen auf", erklärt der Theologe weiter. Sie respektieren die Autonomie und die Anonymität der Anrufenden, gehen selbstverständlich auch mit anvertrauten und persönlichen Angaben sorgfältig und behutsam um und seien auch zurückhaltend mit persönlichen Urteilen. "Datenschutz und Schweigepflicht haben absolute Priorität", so Schwyn. Er sei froh, dass das Team der ehrenamtlich tätigen Beraterinnen und Berater (sechs Frauen und ein Mann) eine sehr homogene Gruppe bilde und mit dem Vorstand gut zusammen arbeite.

Alle haben den einen oder anderen Fuss in der Landwirtschaft, kennen die Arbeiten, die es auf einem Hof zu erledigen gibt und wissen von den Problemen, die sich im bäuerlichen Umfeld stellen können. Die Ehrenamtlichen haben auch alle schon viel erlebt in ihren Leben, mussten teils auch schon über einen Verlust des Partners hinwegkommen, hatten Probleme auf dem Hof, mit der Pacht oder sind anderen Widrigkeiten des Lebens begegnet. Für Schwyn ist es wichtig, dass diese Menschen mit beiden Beinen im Leben stehen, zurückhaltend seien mit persönlichen Ratschlägen und sich religiösen oder politischen Beeinflussungen enthalten.

"Die Beratenden müssen Persönlichkeiten sein und sehr gut zuhören können." Auf jeden Berater kommen ungefähr sechs bis acht Dienste pro Halbjahr, das habe sich als ideal und verkraftbar erwiesen. Ganz wichtig erachtet Schwyn die vier Weiterbildungen pro Jahr, in denen die Beratenden mit Supervision, Intervision und persönlichkeitsbildenden Modulen ihre Arbeit reflektieren und sich für ihre Aufgabe entwickeln und die eigenen Fähigkeiten erweitern können. Die Weiterbildungen werden von der Trägerschaft übernommen. Die Beratenden kommen aus verschiedenen Regionen in der Deutschschweiz.

Das Herz ausschütten

Doch welche Fragen beschäftigen die Anrufenden besonders? Lukas Schwyn lehnt sich in seinem Sessel zurück und überlegt einen kurzen Moment, bevor er antwortet. "Wir hören erstmals zu", sagt er bedächtig. Manchmal helfe es schon, wenn man jemandem einfach mal sein Herz ausschütten und alles erzählen dürfe. Es gibt solche, die haben ein riesiges Durcheinander, wissen nicht mehr, wo ihnen der Kopf und das Herz steht.

Ein neutraler Zuhörer kann in einem solchen Moment helfen, "ds Gstürm im Fadechörbli" zu entwirren, so Schwyn weiter. "Wir suchen mit den Anrufenden zusammen nach möglichen ersten Schritten für eine Lösung." Man frage nach möglichen Ressourcen, eigenen oder solchen, die es noch zu finden gebe. Für viele Menschen sei das bereits der erste Schritt zur Selbsthilfe, bei anderen werden Adressen zu Fachstellen vermittelt. Beim ersten Abladen der Probleme fühlen sich viele bereits besser, sie haben jemandem gefunden, der ihnen zuhört, sie ernst nimmt und Zeit für sie hat. "Einsamkeit sei in der heutigen Zeit ein grosses Thema", weiss Schwyn, auch aus seiner Arbeit als Landpfarrer. Trotz der digitalisierten Welt gebe es viele Menschen, die niemandem das Herz ausschütten könnten.

Grösstes Problemfeld: Familien und Partnerschaft

Die Auswertung der Telefonprotokolle des Bäuerlichen Sorgentelefons zeigt, dass die Anrufe in den vergangenen Jahren auf jährlich 130 gestiegen sind. Die Frauen sind mit 55 Prozent aller Anrufenden um zehn Prozent häufiger vertreten als die Männer. 40,5 Prozent der Anrufenden sind zwischen 50 und 59 Jahre alt, davon sind die meisten Männer. Bei den Jüngeren und bei den über 70-Jährigen überwiegt der Frauenanteil klar. Bei den 60-69-Jährigen halten sich Frauen und Männer die Waage. Mit 38 Prozent sind die Familienprobleme am höchsten einzustufen. Doch der nächsthohe Anteil sei die Gesundheit, wobei die psychischen Probleme wie Depression und Burnout klar zunehmen. Mit 13 Prozent seien die betrieblichen Fragen eher gering und etwas angestiegen seien auch die finanziellen Probleme, erläutert Schwyn. Stark zugenommen habe auch der Anteil der ledigen Männer, die sich beim Sorgentelefon melden.

Preis garantiert Überleben

Auf die Frage, weshalb die familiären Probleme so stark zu Buche schlagen, sagt Schwyn: "Auf den meisten schweizerischen Bauernhöfen leben zwei bis drei Familien unter einem Dach. Sie teilen sich das Familien- und Berufsleben und werden zu einer Art Schicksalsgemeinschaft."

Beispiele, weshalb dieses Zusammenleben belastet, gebe es viele. Die unterschiedlichen Sichtweisen der Frauen, wie auch jene der Männer auf dem Betrieb können bei den Generationen grosse Spannungen erzeugen. Aus diesen Konstellationen entwachsen oft Eheprobleme, der junge Bauer wisse nicht, ob er sich auf die Seite seiner Frau oder seiner Eltern stellen solle, die Frau stamme aus einer anderen Kernfamilie, habe anders geprägte Sichtweisen – ein Teufelskreis sei oft vorprogrammiert.

Zudem habe sich das Rollenverständnis verändert. Frauen sind heute gut ausgebildet und wollen mehr als nur Familie, Kinder und viel Arbeit auf dem Hof. "Der Konflikt entsteht, wenn keiner mehr bereit ist, die Ansichten des Gegenübers wahrzunehmen", so Schwyn. Zudem sei eine Scheidung heute kein Makel mehr, auch wenn diese das Weiterbestehen des Betriebes in Frage stellen könne, erklärt Schwyn weiter.


Über den Zustupf von 20 000 Franken für den Prix Agrisano freut sich Lukas Schwyn sehr. Weil ihnen der finanzielle Zustupf von einer ihrer Trägerorganisationen weggefallen ist, schien die Zukunft des Sorgentelefons ungewiss. Allein mit Spenden und Zuwendungen der Trägerschaften lassen sich die Kosten nicht bewerkstelligen, deshalb ist der Prix Agrisano ein wichtiger Beitrag zum Überleben. "Das Geld garantiert uns einen Weiterbestand für die kommenden drei bis vier Jahre."

Ruth Bossert, lid